Neulich stolperte ich über ein Online-Angebot, das KI nahezu als Universallösung für alles anpries, als Mittel zur Unabhängigkeit und Eigenständigkeit vor der man unter anderem auch keinen Entwickler oder keine Agentur mehr für seine Website benötige.
Das finde ich schon daher befremdlich, weil kein einziger Mensch vollkommen unabhängig von anderen Menschen ist, es sei denn, er lebt als Einsiedler im Wald und isst nur was dort wächst. Jeder Mensch braucht Menschen die produzieren und bereitstellen, was ihn versorgt und was er begehrt. Und er braucht andere Menschen, die seine Arbeitsleistung beanspruchen, damit er Versorgungsangebote wahrnehmen kann.
Sich total von anderen abzulösen ist für die meisten Menschen auch emotional nicht erstrebenswert. Was den Menschen ausmacht, ist ja genau das Miteinander, sich ergänzen, gebraucht zu werden, füreinander da zu sein, etwas zusammen zu erreichen.
Doch auch unabhängig von sozialen und emotionalen Aspekten finde ich es gewagt, KI als Ersatz für menschliche Kompetenz zu verkaufen. Sie ist kein Ersatz, sie ist Ergänzung. KI ist nicht selbstgelenkt und eigenständig intelligent. Sie weiß nicht, was sie tut oder bewirkt, sie hat lediglich Zugriff auf enorm viele Daten. Was sie generiert und leistet hängt von dem ab, der sie lenkt.
Ein noch so toll durchdachtes Multifunktionstool macht aus ungeschickten Händen keinen begnadeten Handwerker. Bei der Arbeit mit KI kommt es auf das an, was der im Kopf hat, der mit ihr arbeitet.
Ich arbeite mit großer Begeisterung und seit den Anfängen täglich mit KI-Tools. Sie haben meine Produktivität signifikant erhöht, die Ergebnisse sind umfassender und meist schneller wegen des direkten Zugriffs auf Information, was über Suchmaschinen zunehmend mühsam geworden war. Vor allem erspart sie mir den ansonsten hohen (und wenig geliebten) Dokumentationsaufwand. Im Zuge der täglichen Arbeit erlebe ich allerdings auch, dass Fehler passieren, wenn man KI coden lässt. Wenn man weiß, worauf es ankommt, kann man seine Kommunikation verbessern, und mit der Zeit wird man tatsächlich sehr schnell zu einem brauchbaren Ergebnis kommen, bei einfacheren Projekten vielleicht sogar auf Anhieb, bei komplexeren über mehrere Phasen. Menschliche Kompetenz ist für die Qualität einer Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Das gilt bestimmt nicht nur für die Programmierung.
Wenn jemand, der den Hintergrund nicht hat, doch zu einem Ergebnis kommt das funktioniert und macht was er möchte, Glück gehabt. Doch dieses Glück hat geringe Toleranzen. Denn lässt er die KI eine vermeintliche Kleinigkeit ändern, funktioniert im blödsten Fall das ganze Projekt nicht mehr. Es können kleinste Fehler sein, auf welche die KI nicht von selbst kommt und stattdessen anfängt, die Komplexitätskiste auszupacken und alles mögliche zu probieren und einen in Testszenarien zu verstricken, die allesamt nicht zur Auflösung beitragen. Dabei würde ein kleiner, aber kompetenter Hinweis eines befähigten Entwicklers genügen, und alles wäre in Sekunden gefixt.
Dass man seine Website bauen kann ohne eine Zeile Code schreiben zu müssen ist übrigens ein ca. 20 jahre altes Versprechen, und nicht erst mit der KI „erfunden“. Und ja, natürlich ist es (immer noch) so, dafür sind CMS wie z.B. WordPress schließlich gemacht. Und trotzdem schafft es oder mag es nicht jeder selbst tun, sondern zieht es vor, damit jemanden zu betrauen, der sich mit der Materie auskennt.
Nach wie vor ist die Aussage auch nur eingeschränkt richtig und trifft nur dann zu, wenn man keine besonderen Ansprüche hat, und Darstellungsfehler, die man nicht selbst beheben kann, weil man weder in der Lage ist, die Ursache zu ergründen, noch das Fehlerbild ausreichend hinweislich zu beschreiben, nicht stören. Es gibt Anwendungsfälle, die individuell und sehr speziell sind, und für die es keine Fertiglösung gibt, somit auch keine Datenbestände auf die eine KI konkret zurückgreifen könnte, und die daher individuell entwickelt werden müssen. Auch hier kann KI mit der richtigen Anleitung zu großartigen Ergebnissen führen, und die richtigen Anleitungen zu geben, erfordert dann eben auch entsprechende Kompetenz.
Ich habe oft „das ist anders und einfacher lösbar“-Momente mit der KI. Die wirklich gute und richtige Lösung muss ich ihr manchmal regelrecht aus dem Kreuz leiern. Ich erkenne aus mehr als 20 Jahren Entwicklungserfahrung, wenn z.B. bestimmte Coding- oder Sicherheits-Standards nicht eingehalten werden. Fehler im KI-generierten Code sind für mich erkenn- und lösbar, oder ich kann entsprechende Hinweise geben.
Es ist großartig, was man in Zusammenarbeit mit KI machen und erreichen kann. Wer gewillt ist zu lernen, kann sich bei gezielter Interaktion mit KI einen beachtlichen Kenntnisstand erarbeiten. Und man ist auch nie professionell genug, um bei der Zusammenarbeit mit KI nicht noch dazuzulernen. Ich lerne täglich dazu, das gehört für mich zum Entwickler-„Alltag“. Ohne den Aspekt nicht einfach nur zu, sondern auch sich selbst immer weiter entwickeln zu müssen, wäre wohl irgendwann so etwas wie Routine und in der Folge Langeweile eingekehrt, und dann hätte mich dieser Beruf nicht so lange halten können.
Die Verantwortung über das Ergebnis liegt weiterhin beim Menschen, und der sollte verstehen, was er tut, verstehen, was die KI baut, verstehen, womit er die KI betraut, verstehen, was er anderen am Ende dann womöglich verkauft. Denn weder ist KI ein Kompensator für fehlende Kompetenz, noch ein Ersatz für menschliches Denken. Doch richtig eingesetzt ist sie ein ein großartiges, inspirierendes und spannendes Werkzeug, mit dem man viel lernen und erreichen kann. – Und das ist ein guter Grund für mich, KI-Tools für die Projekte meiner Kunden zu nutzen, damit Lösungen schneller, umfassender, komfortabler und besser werden.




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